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Formen des Lebendigen




Der Wunsch zu leben ist das stärkste der universellen Gefühle, es entspringt der Tiefe unseres unbewußten Empfindungsvermögens - und der Wunsch, Leben zu geben ist unser kräftigster, schöpferischster, bewußtester Ausdruck dieser Ahnung.
Barbara Hepworth, Sculpture, in Circle, 1937*



Es ist das Verdienst des Künstlers, egal welches Ausdrucksmittels er sich bedient, im Betrachter eine metaphysische Resonanz zu erzeugen, so etwas wie eine Erinnerung auszulösen. Erinnerung daran, daß es etwas gibt, das uns über unsere vielleicht mühselige Existenz hinaus, mit der wir uns täglich konfrontiert sehen, definiert. Dies gelingt nur, wenn die gewählte Form an sich keiner Übersetzung bedarf, sondern uns direkt anzusprechen vermag. Auch wenn unbestreitbar Fragen des individuellen Geschmacks und der Moden dabei eine Rolle spielen, so sind es doch stets die Formen, die dem Leben innewohnen und die aus dem Leben heraus geschaffen werden, welche in uns diese Erinnerung hervorzurufen imstande sind.
 
Für den Moment der Betrachtung eines Kunstwerks sind wir der Wirklichkeit ebenso entrückt wie verbunden, doch das, was uns letztlich daran fesselt, ist immer die Erinnerung daran, daß wir selbst am Leben sind. Ein Kunstwerk kann daher noch so ästhetisch sein, schön empfinden wir es erst, wenn die Erfahrungen, die der Künstler bei der Auseinandersetzung mit den Formen des Lebendigen gemacht hat, einfließen. Diese Auseinandersetzung setzt Konzentration und eine bestimmte Art der Selbstvergessenheit seitens des Künstlers voraus, sodaß sich sein Werk scheinbar wie von selbst entwickeln kann. Die Mühe, die in jedem Stück steckt, tritt in den Hintergrund.
 
Was bleibt, ist jene logisch richtige Abfolge, jene überzeugende Entwicklung der Formen des Lebendigen ohne jegliche Verkrampfung, wie sie auch am vorliegenden Werk von Helene Keller zu sehen ist. Intuitiv erfassen wir, daß diese Arbeiten ihre Kraft aus der konsequenten Umsetzung elementaren Lebenswillens in künstlerische Proportionen beziehen, wodurch eine unmittelbare Schönheit entsteht, die nicht nur zum Ansehen, sondern auch zum Befühlen der einzelnen Stücke reizt - gerade so, als wüßten wir nicht, wie sich die verwendeten Materialien anfühlen, als erhofften wir, etwas von dem Leben, das sie ausstrahlen, erspüren zu können.



Gabriele Werner



* Zitiert aus Voicing our Visions, Writings by Women Artists,  Mara R. Witzling (Hrsg.), Universe, New York, USA, 1991.

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copyright by Helene Keller